Der Spiegel, 6.5.2015
Rosamunde Pilchers Cornwall: Romantik verzweifelt gesucht
Küsse in Herrenhäusern, Landschaften aus dem Bilderbuch: Die Liebesschnulzen von Rosamunde Pilcher haben das Image von Cornwall geprägt. Doch wer hier im Sommer nach Ruhe und Einsamkeit sucht, wird oft enttäuscht.
Die Fremdenführerin stoppt im Gelben Salon von Prideaux Place in Cornwall und blickt in die Runde. "Keine Deutschen heute hier, richtig?" Sie räuspert sich. "Wahrscheinlich sagt Ihnen der Name Rosamunde Pilcher nichts. Aber in Deutschland kennt jeder ihre Bücher. Und deswegen kommen so viele Deutsche nach Cornwall." Die liebevolle Schilderung des äußersten Südwestens Englands in den romantischen Büchern Pilchers inspiriert tatsächlich viele zu einer Reise - die Autorin gilt als Meisterin der massentauglichen Liebesschnulze.
Pilcher wuchs in Cornwall auf. Mit 15 begann sie zu schreiben, 1987 gelang ihr der kommerzielle Durchbruch mit "Die Muschelsucher". Das ZDF verfilmte die Familiensaga an den Küsten Cornwalls, rund hundert Filme mit Titeln wie "Gewissheit des Herzens" und "Zauber der Liebe" folgten. Gedreht wird immer in romantischen Cottages, verwunschenen Gärten und prächtigen Herrenhäusern. Es gibt viele Küsse und Umarmungen im Wind am Meer oder auf den Klippen. Und immer ein Happy End. Mitte der Neunzigerjahre setzte der Run auf Cornwall ein - die Touristen wollten das Pilcher-Feeling spüren. Aber das ist gar nicht so einfach.
| Karte: In Cornwall liegt sowohl der westlichste als auch der südlichste Punkt Englands. |
Auf den Straßen wenig Romantik
Zwar ist die Küste wirklich ergreifend schön, und die Ortschaften sind so pittoresk wie die Straßen schmal. Aber das genau ist der Haken: Menschenmengen gehören nicht auf eine Halbinsel, deren Charme sich eigentlich erst in Einsamkeit und Weite erschließt. Gerade im Sommer, wenn auch die Briten in der Grafschaft Urlaub machen, ist Cornwall überlaufen. Auf engen Straßen kommen Autofahrer im Sommer kaum voran. Und es ist teuer geworden in der immer noch ärmsten Region Großbritanniens, auch durch den derzeitigen Eurokurs. Der Besucher ist also hin- und hergerissen.
An den Stränden von Cornwall ist man im Sommer ebenfalls nicht allein, egal ob am Ärmelkanal, an der Keltischen See oder am Atlantischen Ozean. Und das, obwohl die Wassertemperatur auch im Sommer selten über 18 Grad steigt. Dass das Klima in Cornwall zwar mild, aber die Sommer nicht zwingend warm sind, stört die einheimischen Touristen offenbar nicht. Sie tragen auch bei 14 Grad immer T-Shirts und Shorts, und ins Wasser gehen sie eben im Neoprenanzug.
Dafür sind Strände an der kornischen Küste lang, das Wasser klar und blaugrün, und der Sand schimmert in Goldgelbtönen. Und wer Glück hat, findet zu Füßen der Klippen Ammoniten, schneckenförmige Fossilien.
Zinkminen als Zeugen der Vergangenheit
Cornwall ist immer eine eher arme Region gewesen, die Menschen lebten von Fischfang, Landwirtschaft und später Bergbau. Noch heute ragen die alten Fördertürme der Zinnminen aus der Landschaft, meistens malerisch verfallen. Manche Anlagen sind inzwischen zu besichtigen, wie die Minen von Levant oder Geevor. Ansonsten sind die Ortschaften an der Küste fast durchweg einen Ausflug wert.
Zu den eindrucksvollsten gehört St. Ives. Das Badeörtchen hat einen Hafen, der bei Ebbe weitläufig trocken fällt und dann fast schöner ist als bei Hochwasser. Hunderte Touristen sitzen bei Ebbe mit einer Tüte Fish and Chips oder einer Eiswaffel auf der Kaimauer oder spazieren im Sand des Hafenbeckens herum. Der Ort galt mit seinem diffusem Licht schon Anfang des vorigen Jahrhunderts als Künstlerdorf. Auch heute noch finden sich neben einem Ableger der berühmten Londoner Tate Gallery zahlreiche kleinere Kunstshops mit Gemälden oder Töpferwaren.
In Newquay wiederum branden die Wellen an die Küste, was viele Surfer anzieht. Auf den Klippen über dem berühmten Fistral Beach steht das Headland Hotel, Drehort für mehrere Pilcher-Verfilmungen. Trotz der imposanten viktorianischen Fassade - ein Luxushotel, wie von außen zu vermuten, ist es nicht.
Das gilt für die meisten Hotels an der kornischen Küste: Die Gäste müssen Abstriche machen, was Komfort und Service angeht. Was Kontinentaleuropäer abgewohnt finden, ist in England noch für lange Jahre gut. Und wer an der Bar seinen Wein innerhalb von 15 Minuten serviert haben möchte, gilt als sehr ungeduldig. Die Engländer stehen nicht nur vor Bussen geduldig Schlange.
Falmouth dagegen ist deutlich ruhiger, auch an den Stränden. Dafür gibt es schöne kleine Geschäfte. In einem knetet ein Konditor frischen Fudge, in einem weiteren dekoriert ein Bäcker sein Schaufenster mit den berühmten Pasteten, die früher die Bergleute mit unter Tage genommen haben. Im Hafen schaukeln zahlreiche Jachten.
Auf den Hügeln rundum stehen gepflegte Villen, und an der Promenade hübsche Hotels. Aber auch hier Achtung: In der Hochsaison nimmt etwa das "St. Michaels" - beliebt bei Brautpaaren und ausgezeichnet für seine Küche - selbst für ein acht Quadratmeter großes Zimmer noch deutlich über 200 Euro pro Nacht.
Um zu sparen, buchen viele Urlauber lieber Bed & Breakfast. Diese Unterkünfte sind oft gepflegter als Hotelzimmer, der Service ist fast immer netter. Wer 50 Euro pro Nacht investiert, kann mit einem schönen Zimmer rechnen und einem "Full English"-Frühstück, das gleich wieder müde macht.
Am friedlichsten auch in der Saison ist es noch am ehesten in einem der großen Gärten und Parks des Landes. Am bekanntesten sind die Lost Gardens of Heligan in St. Austell. Wenn im Mai dort die baumhohen Rhododendren blühen, ist es in dem 400 Hektar großen Garten aus dem Ende des 19. Jahrhunderts am schönsten.
Auch Prideaux Place bei Padstow hat einen Park, aber hier lockt vor allem das 400 Jahre alte Gebäude. Sechs Privaträume der Familie sind zu besichtigen. Sie dienten dem Filmteam vom ZDF für Innenaufnahmen für über ein Dutzend Pilcher-Filme. Am tropischsten wirkt die kleine Anlage von Trebah Garden in der Nähe von Falmouth. Wer hier nach einem Spaziergang durch die Anlage zwei süchtig machende Scones mit Clotted Creme und Erdbeermarmelade genießt, bei dem stellt es sich ganz bestimmt ein - das Rosamunde-Pilcher-Feeling.
Hilke Segbers/dpa/sto
Quelle:
http://www.spiegel.de/reise/europa/cornwall-urlaub-bei-rosamunde-pilcher-a-1032366.html
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